6. Januar 2026
Vom Skeptiker zum Power-User - Meine Reise mit KI-gestützter Entwicklung
Was als frustrierendes Experiment mit v0 begann, hat sich zu einem kraftvollen Workflow entwickelt. Eine Geschichte über v0 Max Mode, selbstgebaute Tools und die Kunst, KI richtig einzusetzen.
Sascha Becker
Author5 Min. Lesezeit

Meine Reise mit KI-gestützter Entwicklung
Im August 2025 schrieb ich über meine ersten Erfahrungen mit Vercel's v0. Mein Fazit damals: Ein mächtiges Werkzeug, aber eines mit deutlichen Kanten. Tailwind-Geister in der Codebasis, Versionsprobleme und ein Credit-System, das mich sanft aber bestimmt in Richtung des Vercel-Ökosystems schubste.
Heute, sechs Monate später, sieht meine Entwicklungswelt komplett anders aus. Was als vorsichtiges Experimentieren begann, hat sich zu einem Workflow entwickelt, der meine Produktivität vervielfacht hat.
v0 Max Mode: Der Game-Changer
Die größte Veränderung kam mit dem v0 Max Mode. Vercel hat im Laufe der Zeit massiv in die Modell-Infrastruktur investiert. Mit der Integration von Claude Opus als zugrunde liegendem Modell und der Einführung ihrer eigenen v0 Composite Model Family haben sie die meisten meiner ursprünglichen Kritikpunkte adressiert.
Die Unterschiede sind spürbar:
- Besseres Kontextverständnis: Das Modell versteht jetzt nicht nur was ich bauen will, sondern warum. Es stellt intelligentere Rückfragen und macht weniger Annahmen.
- Visuell beeindruckend: Die generierten UIs sehen nicht mehr nach "generiert" aus. Sie haben ein Gespür für Proportionen, Whitespace und moderne Design-Patterns.
- Weniger Eigensinn: Die hartnäckige Tailwind-Obsession ist verschwunden. Wenn ich Material-UI will, bekomme ich Material-UI.
Natürlich gibt es immer noch Eigenheiten. Manchmal vergisst es Kontext aus früheren Nachrichten, manchmal generiert es Code für Features, die ich nie erwähnt habe. Aber die Ratio von "Wow!" zu "Warum?!" hat sich dramatisch verbessert.
Koda: Mein eigener KI-Assistent
Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mehr brauchte als nur ein Code-Generierungs-Tool. Ich brauchte einen Ort zum Denken. Einen Sparringspartner für die Phase vor dem ersten Commit.
Die existierenden KI-Chats haben mich alle nicht überzeugt. Sie waren entweder zu oberflächlich, schlecht durchsuchbar, oder hatten keine Möglichkeit, Konversationen sinnvoll zu organisieren. Also habe ich Koda gebaut.
Koda ist mein persönlicher KI-Chat mit über 100 Modellen unter der Haube - GPT-4o, Claude, Gemini, DeepSeek und viele mehr. Aber das Besondere ist nicht die Modellauswahl. Es ist die Möglichkeit, meine Gedanken zu strukturieren:
- Shelves & Tags: Ich organisiere meine Projekte und Ideen so, wie mein Gehirn funktioniert
- Favoriten: Wichtige Erkenntnisse sind einen Klick entfernt
- Dateikontext: Ich kann Code, Dokumente und Bilder direkt in die Konversation einbinden
- Websuche: Aktuelle Informationen fließen nahtlos in die Diskussion ein
Koda ist kein Ersatz für v0 oder andere Code-Tools. Es ist der Ort, wo Ideen geboren und verfeinert werden, bevor sie Code werden.
Der neue Workflow
Mit v0 und Koda als Werkzeuge hat sich ein Workflow herauskristallisiert, der für mich funktioniert:
Phase 1: Ideation in Koda
Jedes neue Projekt beginnt mit einer Konversation. Nicht mit Code, sondern mit Fragen:
- Was ist das eigentliche Problem, das ich löse?
- Für wen baue ich das?
- Was ist das MVP - und was ist Feature Creep?
Koda hilft mir, meine vagen Ideen in konkrete Anforderungen zu destillieren. Dieser Schritt ist entscheidend. Je klarer meine Vision am Anfang, desto weniger Iterationen brauche ich später.
Phase 2: Bootstrap mit v0
Mit einem klaren Bild im Kopf geht es zu v0. Hier entsteht das Grundgerüst:
- Layout und Navigation
- Kernkomponenten
- Routing-Struktur
V0 liefert mir in Minuten, was früher Stunden gedauert hätte. Und mit einem Klick ist das Projekt auf Vercel deployed und das GitHub-Repository erstellt.
Phase 3: Verfeinerung mit OpenCode
Hier wird es interessant. OpenCode hat meinem Workflow eine neue Dimension gegeben.
OpenCode ist ein Open-Source KI-Coding-Agent, der direkt im Terminal lebt. Er versteht nicht nur meinen Code, sondern auch mein Projekt. Er navigiert durch Dateien, versteht Abhängigkeiten und kann komplexe Refactorings durchführen.
Die Kombination ist mächtig:
- v0 für den schnellen visuellen Start
- OpenCode für die tiefgreifende lokale Entwicklung
OpenCode glänzt besonders bei Aufgaben, die v0 nicht kann:
- Cross-File-Refactorings
- Test-Implementierung
- Bug-Fixing mit vollem Projektkontext
- Komplexe Feature-Erweiterungen
Die Projekte, die dabei entstanden sind
Diese Kombination aus Tools hat mir ermöglicht, in kurzer Zeit mehrere Projekte zu realisieren:
- Action Architect: Ein Tool für Game Designer, um Fähigkeiten zu balancieren
- StoryLinter: Findet Plot-Holes in Geschichten, bevor es die Leser tun
- TubeCraft: Generiert 3D-druckbare Röhren (Open Source)
- PatchPigeon: Schöne Changelogs für Indie-Entwickler (Open Source)
- WashiWay: Ein schnelles Mathe-Spiel für zwischendurch (Open Source)
Jedes dieser Projekte folgte demselben Muster: Denken in Koda, Bootstrappen in v0, Verfeinern in OpenCode.
Die Kunst des Führens
Was ich in diesen sechs Monaten gelernt habe: KI-Tools sind keine Autopiloten. Sie sind Verstärker.
Die entscheidende Fähigkeit ist nicht mehr nur, Code zu schreiben. Es ist, präzise zu kommunizieren:
- Was will ich bauen?
- Warum diese Lösung und nicht eine andere?
- Welche Constraints gibt es?
Je besser ich diese Fragen beantworten kann, desto besser arbeiten die Tools für mich. Technisches Wissen bleibt wichtig - nicht um jede Zeile selbst zu schreiben, sondern um die KI in die richtige Richtung zu lenken und ihre Vorschläge bewerten zu können.
Wo die Reise hingeht
Für kleinere Aufgaben greife ich immer noch zur IDE. Nicht jede Änderung braucht einen AI-Agenten. Manchmal ist ein schneller Edit einfach schneller.
Aber wir sind nah dran. Sehr nah. Die Tools werden jeden Monat besser. Die Modelle verstehen mehr Kontext. Die Integration wird nahtloser.
Ich bin gespannt, wo wir in weiteren sechs Monaten stehen werden. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird der manuelle Code-Edit zur Ausnahme statt zur Regel.
Eines ist sicher: Die beste Zeit, um Software zu bauen, ist jetzt. Die Barriere zwischen Idee und Implementierung war nie niedriger. Und mit dem richtigen Workflow - einem, der KI-Tools nicht als Ersatz, sondern als Verstärker nutzt - kann ein einzelner Entwickler heute mehr schaffen als je zuvor.
Die Zukunft ist nicht KI oder Entwickler. Sie ist KI und Entwickler, in einem Tanz, bei dem beide führen und folgen.
